Rundfunkbeitrag · KEF · Medienstaatsvertrag
Die Rechnung, die der Beitragsservice nie schickt
18,36 Euro im Monat, jede Wohnung, ohne Kündigungsrecht — und auf dem Bescheid steht keine einzige Position. Ich habe versucht, sie nachzutragen: was von dem Geld in Nachrichten fließt, was in Serien, Shows und Fußball, und warum die Frage danach keine Frage an die Demokratie ist.
Vier Empfänger, keine Positionen
Der Bescheid nennt einen Betrag und eine Fälligkeit, sonst nichts. Die erste Ebene darunter lässt sich trotzdem exakt nachzeichnen, weil der Beitragsservice jedes Jahr veröffentlicht, wohin die Erträge fließen. 2024 waren es 8,74 Milliarden Euro, drei Prozent weniger als im Jahr davor (9,02 Milliarden), weil der Sondereffekt des bundesweiten Meldedatenabgleichs ausgelaufen ist. Auf die 18,36 Euro eines Haushalts umgerechnet sind das vier Posten.
Beitragsservice, Jahresbericht 2024 (Q1). ARD und ZDF gerundet, Deutschlandradio als Differenz.
Damit ist die Rechnung, wie sie der Beitragsservice führen könnte, auch schon zu Ende. Ab hier gibt es keine amtliche Aufteilung mehr nach dem, was gesendet wird. Die gibt es nur bei der KEF, der Kommission, die alle vier Jahre den Finanzbedarf der Anstalten prüft — und dort vollständig nach Sparten nur für das ZDF.
Die Hälfte der Zeit, ein Viertel des Geldes
Die KEF weist für das ZDF-Hauptprogramm aus, wie viele Erstsendeminuten jede Sparte gefüllt hat und was sie gekostet hat. Die jüngste Tabelle dieser Art, die öffentlich zugänglich ist, steht im 23. Bericht und beschreibt das Jahr 2020. Ich nehme sie, weil sie beides in einer Quelle hat: Zeit und Geld. Neuere Berichte fassen gröber zusammen; die Größenordnungen haben sich nicht verschoben, die Minutenpreise, die die KEF 2024 für das Erste nennt, liegen in derselben Ordnung.
Wer die Zeit füllt, und wer das Geld bekommt
ZDF 2020 · Anteile in ProzentPolitik und Aktuelles zusammen, also Nachrichten, Magazine, Talk, Dokumentationen: 140.148 Erstsendeminuten, 50 % des Programms, für 366,9 Millionen Euro, 26 % des Geldes. Show, Spielfilm, Fernsehfilm und Serie: 36 % der Minuten, 51 % des Geldes. Sport: 6 % der Minuten, 12 % des Geldes — in einem Jahr, in dem Olympia und die Fußball-EM wegen der Pandemie verschoben waren. In einem normalen Jahr ist der Sportanteil höher.
Warum das so ist, zeigt die zweite Darstellung. Breite ist Sendezeit, Höhe ist der Preis je Minute, die Fläche ist das Geld.
Breit und flach gegen schmal und hoch
ZDF 2020 · Euro je Erstsendeminute| Sparte | Erstsendeminuten | Anteil Zeit | Mio. € | Anteil Geld | € je Minute |
|---|---|---|---|---|---|
| Politik und Gesellschaft | 84.607 | 30,4 % | 189,9 | 13,6 % | 2.244 |
| Aktuelles (Nachrichten) | 55.541 | 19,9 % | 177,0 | 12,7 % | 3.187 |
| Kultur, Geschichte, Wissen, Musik | 15.573 | 5,6 % | 107,6 | 7,7 % | 6.909 |
| Kinder und Jugend | 7.863 | 2,8 % | 33,3 | 2,4 % | 4.235 |
| Show (nonfiktionale Unterhaltung) | 49.375 | 17,7 % | 158,9 | 11,4 % | 3.218 |
| Spielfilm | 16.527 | 5,9 % | 98,9 | 7,1 % | 5.984 |
| Fernsehfilm und Serie | 32.997 | 11,9 % | 456,1 | 32,7 % | 13.822 |
| Sport | 15.948 | 5,7 % | 172,8 | 12,4 % | 10.835 |
| Summe | 278.431 | 100 % | 1.394,5 | 100 % | 5.008 |
Für das Erste gibt es keine Tabelle in dieser Auflösung, aber die Sendezeit ist ähnlich verteilt: 2023 entfielen 41 Prozent auf journalistische Information, 34 Prozent auf fiktionale und 13 Prozent auf nonfiktionale Unterhaltung, 6,5 Prozent auf Sport (Q7). Und die Minutenpreise, die die KEF für das Erste nennt, sind dieselbe Geschichte: Politik und Gesellschaft 2.943 Euro, Sport 10.014 Euro (Q3).
Was eine Minute kostet
Eine Minute Tagesschau kostet rund 1.800 Euro. Eine Minute Tatort kostet das Zehnfache. Das ist kein Vorwurf: Ein Fernsehfilm braucht ein Drehbuch, ein Team, Schauspieler, Drehtage, Nachbearbeitung; eine Nachrichtenminute braucht eine Redaktion, die ohnehin im Haus sitzt. Aber es erklärt, warum die Sendezeit ein schlechter Maßstab für Geld ist.
Euro je Sendeminute, nach Sparte und Format
ZDF 2020 · Das Erste 2022 · ARD-EinzelformateWer sagt, ARD und ZDF seien zur Hälfte Information, hat mit der Uhr gemessen. Mit dem Kontoauszug gemessen sind sie zu einem Viertel Information. Beide Aussagen sind richtig. Nur eine davon steht in den Broschüren.
Sport: sechs Prozent der Zeit, zwölf des Geldes
Der Sport ist der Posten, bei dem die Schere am weitesten aufgeht, und der einzige, bei dem die Politik schon einmal eine Zahl festgeschrieben hat.
Die Ministerpräsidenten haben den Sportrechte-Etat mit dem Reformstaatsvertrag bei rund fünf Prozent des Gesamtaufwands beider Anstalten fixiert. Das sind mehr als 400 Millionen Euro im Jahr, allein für Rechte, ohne Produktion, Studios, Reisen, Moderation. Medienökonomen schätzen den gesamten Sportaufwand auf sechs bis acht Prozent des Budgets; eine vollständige Rechnung dafür gibt es öffentlich nicht. Ich gönne jedem sein Fußballspiel. Aber der Rundfunkbeitrag wurde 2018 in Karlsruhe nicht mit der Champions League begründet.
Der Auftrag sagt ausdrücklich: auch Unterhaltung
An dieser Stelle muss man ehrlich sein: Die Unterhaltung ist nicht heimlich ins Programm gerutscht. Sie steht im Gesetz.
„Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist, durch die Herstellung und Verbreitung ihrer Angebote als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen. […] Ihre Angebote haben der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung zu dienen. Sie haben Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten. Auch Unterhaltung soll einem öffentlich-rechtlichen Angebotsprofil entsprechen.“
§ 26 Abs. 1 Medienstaatsvertrag (Q8)
Das Bundesverfassungsgericht hat schon 1986 entschieden, dass die Grundversorgung keine Mindestversorgung ist und Unterhaltung einschließt. Der Reformstaatsvertrag, seit Dezember 2025 in Kraft, hat Spartenkanäle und Hörfunkwellen gestrichen und den Sport gedeckelt, aber am Wort Unterhaltung im Auftrag nichts geändert. Wer also sagt, Comedy gehöre nicht zum Auftrag, irrt juristisch.
Die Frage ist eine andere: ob dieser Auftrag in diesem Umfang für alle verpflichtend sein muss. Das ist keine Rechtsfrage, sondern eine politische, und genau deshalb darf man sie stellen. Auch das Beitragsurteil von 2018 hilft hier weiter: Karlsruhe begründet die Zahlungspflicht mit der Möglichkeit, das Angebot zu nutzen, als Gegenleistung für einen individuellen Vorteil (Q9). Nicht mit einer Abgabe für die Demokratie.
Das Wort „Demokratieabgabe“
Das Wort stammt vom damaligen WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn, Dezember 2012, kurz bevor aus der Gerätegebühr der Haushaltsbeitrag wurde. Es war als Werbung gemeint und ist seither das Muster der Debatte: Aus einer Finanzierungsfrage wird eine Gesinnungsfrage. Wer den Beitrag hinterfragt, hinterfragt die Demokratie; wer ihn verteidigt, verteidigt sie. Der SPD-Abgeordnete Helge Lindh hat es im Parteiblatt sinngemäß so formuliert: Wer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schwächt, schwächt die Demokratie.
Das Muster hat einen Vorteil für die Anstalten und einen Nachteil für alle anderen: Es macht die Rechnung von oben unsichtbar. Denn wenn der Beitrag eine Demokratieabgabe ist, dann ist auch der Tatort Demokratie, dann ist die Bundesliga Demokratie, dann ist die Late-Night-Show Demokratie. Das glaubt niemand, auch in den Anstalten nicht. Die Anstalten selbst begründen die Unterhaltung anders: mit Reichweite, mit dem „Lagerfeuer“, mit dem Publikum, das man braucht, damit die Nachrichten überhaupt jemand sieht.
Wofür ich zahle, gern
- Nachrichten, die keinem Eigentümer und keiner Regierung gehören
- Ein Korrespondentennetz, das sich kein privater Sender leistet
- Regionalberichterstattung, die kein Markt bezahlt
- Dokumentationen, Bildung, Kinderprogramm ohne Werbung
- Staatsferne, die im Gesetz steht und in Karlsruhe verteidigt wird
Was ich hinterfrage
- Eine Pflicht, Serien und Spielfilme zu finanzieren, die es auch bei Netflix gibt
- Über 400 Millionen Euro im Jahr für Sportrechte, zwei Drittel davon Fußball
- Showformate zu einer Million Euro je Folge (Q6)
- Late-Night-Comedy, deren Produktionskosten das ZDF nicht nennt
- Dass es für all das keine Rechnung gibt, sondern ein Etikett
Die linke Spalte ist das Viertel des Programmgeldes, das oben in der Grafik blau ist. Die rechte Spalte sind die anderen drei Viertel. Alles davon ist legal, vieles davon ist gut gemacht. Aber es ist nicht das, was die Demokratie braucht. Es ist das, was die Quote braucht. Und je nach Umfrage halten 44 bis 75 Prozent der Menschen in diesem Land den Beitrag für zu hoch; 76 Prozent hätten gern darüber abgestimmt (Q10). Wer diese Hälfte bis Dreiviertel zu Demokratiefeinden erklärt, weil sie eine Rechnung sehen will, hat das Argument schon verloren.
Stell dir deinen Beitrag zusammen
Was würde die Trennung kosten, oder sparen? Eine genaue Antwort gibt es nicht, weil niemand die Rechnung führt. Eine Größenordnung gibt es: die Kostenanteile der ZDF-Sparten aus Position 02, auf den Beitrag übertragen. Wähle, was verpflichtend bleiben soll.
Modellrechnung — wähle, was der Beitrag bezahlen soll
Kostenanteile: ZDF-Hauptprogramm 2020 nach KEF, auf den ganzen Beitrag übertragen. Das ist eine Untergrenze für den Beitrag und eine Obergrenze für die Ersparnis: Personal, Technik und Altersversorgung sinken nicht im gleichen Verhältnis wie das Programm.
Mit nur Information, Kultur und Kinderprogramm bleibt gut ein Drittel des Sendeaufwands übrig — auf den Beitrag übertragen sechs bis sieben Euro statt 18,36. In Wirklichkeit wäre es mehr, weil Sendeanlagen, Verwaltung und die Altersversorgung der Anstalten nicht mit dem Programm schrumpfen. Die KEF hat das für die Reform der Länder durchgerechnet und kommt bis 2028 auf: nichts. Langfristige Verträge, Pensionen, Tarifbindung (Q3). Was ich vorschlage, wirkt also nicht nächstes Jahr. Es ist eine Richtung, keine Rechnung für 2027.
Was ich vorschlage
Eine Rechnung, jedes Jahr, für jede Anstalt
Sendeaufwand nach Sparten, Erstsendeminuten, Euro je Minute — im Format eines Bescheids, nicht in einem 400-Seiten-Bericht. Die KEF hat die Tabellen, das ZDF veröffentlicht Teile davon bereits. Das kostet nichts, und es beendet die Debatte darüber, was „zur Hälfte Information“ eigentlich heißt.
Kernauftrag und Wahlleistung trennen
Verpflichtend und beitragsfinanziert: Information, Bildung, Kultur, Regionales, Kinderprogramm — alles, was kein Markt liefert. Fiktion, Show und Spitzensport als Wahlangebot, das man abonnieren kann, oder werbefinanziert, oder schlicht kleiner. Die Mediathek ist dafür längst gebaut; ein Login gibt es schon.
Den Sportdeckel senken, nicht festschreiben
Fünf Prozent des Gesamtaufwands sind kein Deckel, sondern ein Freibrief für das heutige Niveau. Was gesellschaftlich trägt — Paralympics, Randsportarten, Frauenfußball — ist billig. Was teuer ist, würde auch ohne Beitrag gesendet, von jemand anderem.
Die Debatte entkoppeln
Kritik am Umfang der Finanzierung ist keine Kritik an der Pressefreiheit. Umgekehrt gilt: Wer die Staatsferne des Rundfunks verteidigen will, sollte wollen, dass die Zahlungspflicht so klein und so gut begründet ist wie möglich. Eine Pflicht, die die Hälfte der Bevölkerung für zu hoch hält, ist die größte Angriffsfläche, die das System hat — und wer sie schützt, indem er die Kritiker etikettiert, vergrößert sie.
Die Gegenrede, weil sie gut ist
Das stärkste Argument gegen die Trennung heißt Reichweite. Der Tatort am Sonntag holt Menschen vor den Bildschirm, die dann die Tagesthemen sehen; ein reiner Informationssender wäre ein Nischenprogramm wie PBS in den USA, und die Nachrichten verlören ihr Publikum gleich mit. Das ist ein echtes Argument, kein Vorwand. Es hat nur eine Voraussetzung, die 2026 immer weniger gilt: dass Menschen linear fernsehen. In der Mediathek gibt es kein Davor und Danach, dort wählt man den Tatort ohne die Tagesthemen. Wenn der Beitrag die Reichweite der Information sichern soll, dann muss man das Geld in die Information stecken, nicht in den Köder.
Das zweite Argument ist juristisch: Ein Beitrag mit Wahlleistungen ist ein anderes Instrument, eher eine Gebühr, und Karlsruhe hat den Beitrag 2018 gerade deshalb gebilligt, weil er nicht an die tatsächliche Nutzung anknüpft. Richtig. Dann muss man das Gesetz ändern. Das ist, was Parlamente tun, wenn eine Mehrheit etwas anderes will als bisher. Man nennt es Demokratie.
Quellen und Anmerkungen
Alle Zahlen stammen aus amtlichen Berichten oder aus Angaben der Anstalten selbst, zitiert nach den unten genannten Veröffentlichungen. Abgerufen am 5. September 2026.
- ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice: Jahresbericht 2024. rundfunkbeitrag.de
- KEF: 23. Bericht, Februar 2022. Sendeleistung und Kosten des ZDF nach Sparten, Ist 2020. kef-online.de
- KEF: Sonderbericht zu finanziellen Auswirkungen möglicher Ansätze zur Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Oktober 2024. rundfunkkommission.rlp.de
- ARD: Programmkosten-Transparenz, Einzelformate, zitiert nach t-online. t-online.de
- epd medien: „ARD und ZDF müssen Sportrechte-Etat nicht kürzen“; Tagesspiegel: „Fast 400 Millionen Euro pro Jahr für den Sport“. medien.epd.de
- ZDF: Programmkosten und Jahresabschluss 2024 (Transparenzseiten). zdf.de
- Media Perspektiven 12/2024: Ergebnisse der ARD-Programmanalyse 2023, Programmprofile. media-perspektiven.de
- Medienstaatsvertrag, § 26 (Auftrag), in der Fassung des Reformstaatsvertrags, in Kraft seit 1. Dezember 2025. rundfunkkommission.rlp.de
- Bundesverfassungsgericht: Urteil vom 18. Juli 2018, 1 BvR 1675/16 u. a. (Rundfunkbeitrag). bundesverfassungsgericht.de
- YouGov / Statista: Umfrage zum Rundfunkbeitrag. yougov.de
- Finanztip: Rundfunkbeitrag 2026 — Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht. finanztip.de
Was die Rechnung nicht kann
- Die Spartentabelle beschreibt das ZDF-Hauptprogramm 2020, nicht die ARD, nicht die Spartenkanäle, nicht den Hörfunk. Für das Erste liegen nur Sendezeitanteile (2023) und zwei Minutenpreise (2022) vor; beide zeigen dasselbe Muster, nur die Fiktion dürfte dort teurer sein, siehe Tatort.
- Sendeaufwand ist nicht Gesamtaufwand. Personal, Technik, Verbreitung, Verwaltung und Altersversorgung kommen dazu; die betriebliche Altersversorgung allein entspricht rund acht Prozent der Beitragserträge. Der Rechner in Position 07 überträgt die Programmanteile trotzdem auf den ganzen Beitrag — als Größenordnung, ausdrücklich nicht als Kalkulation.
- 2020 war ein Pandemiejahr ohne Olympia und ohne Fußball-EM. Der Sportanteil ist darin niedriger als in einem normalen Jahr; die Sportrechte-Zahlen in Position 04 sind der bessere Maßstab.
- „Information“ heißt hier, was die KEF unter Politik und Aktuelles führt. Talkshows und Boulevardmagazine sind darin enthalten. Wer strenger zählt, kommt auf weniger als ein Viertel, nicht auf mehr.