Die Toten, die in keiner Statistik stehen
78 Menschen sind 2024 auf deutschen Baustellen gestorben. Das ist die offizielle Zahl. Sie ist falsch — und die Lücke dazwischen ist kein Versehen, sondern Methode.
78 Menschen sind 2024 bei Arbeitsunfällen auf deutschen Baustellen ums Leben gekommen. Zwei mehr als im Jahr davor, meldet die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU). Insgesamt zählte sie 91.813 Unfälle, ein Rückgang gegenüber den über 96.000 aus 2023. Die häufigsten Todesursachen: Abstürze, ein gutes Drittel aller Fälle, dann herabfallende oder kippende Bauteile, dann Unfälle mit Baumaschinen.
Klingt nach einer Branche, die ihr Sicherheitsproblem langsam in den Griff bekommt. Die BG BAU sieht das auch so: Prävention wirke, die Quote sinke. Beides stimmt sogar.
Und trotzdem ist die Zahl 78 eine Lüge. Nicht, weil jemand falsch gezählt hätte. Sondern weil das Zählsystem die Menschen, um die es hier geht, gar nicht erfassen kann.
Wer nicht versichert ist, ist auch nicht tot — jedenfalls nicht für die Statistik
Die BG BAU zählt ihre Versicherten. Das ist ihr Job. Wer regulär angemeldet ist, Beiträge fließen, ein Arbeitsvertrag existiert — der taucht im Zweifel auch in der Todesstatistik auf, und seine Hinterbliebenen bekommen eine Rente. Die BG BAU hat dafür 2024 rund 1,07 Milliarden Euro ausgezahlt.
Nur: Genau die Menschen, die am Bau am ehesten sterben, sind oft niemandes Versicherte. Der bulgarische Tagelöhner, der morgens am Arbeiterstrich eingesammelt und abends ohne Lohn wieder abgesetzt wird. Der rumänische Trockenbauer, der über drei Sub-Subunternehmer „beschäftigt" ist und auf dem Papier selbstständig. Der Ungar, der im Glasfaserausbau 16-Stunden-Tage schiebt und nie eine Anmeldung gesehen hat. Wenn dieser Mann von einem Gerüst fällt, ist das kein meldepflichtiger Arbeitsunfall im Sinne der Statistik. Es ist ein Problem, das jemand wegräumen muss.
Der Europäische Gewerkschaftsbund hat es für den ganzen Kontinent festgehalten: Über 30 Bauarbeiter starben in einem Zeitraum von nur vier Monaten auf europäischen Baustellen — und besonders betroffen seien grenzüberschreitend eingesetzte und migrantische Arbeiter, weil sie über Subunternehmerketten, Schwarzarbeit und Scheinselbstständigkeit verwundbarer sind. Viele dieser Todesfälle, schreibt der EGB trocken, würden gar nicht erst gemeldet.
In den USA, wo das Phänomen länger dokumentiert ist, sagen Gewerkschafter es offener: Die Toten unter den papierlosen Arbeitern würden bewusst im Dunkeln gehalten. Wer die Leute am unteren Ende der Kette beschäftigt, hat ein Interesse daran, dass ihr Tod nicht offiziell wird.
Die ehrliche Antwort auf „Wie viele sterben wirklich?" lautet also: Wir wissen es nicht. Und das ist keine Wissenslücke, die man mit besserer Datenerhebung schließt. Es ist eingebaut.
Die Kette ist kein Bug. Sie ist das Geschäftsmodell.
Um zu verstehen, warum, muss man sich anschauen, wie eine große Baustelle organisiert ist.
Oben sitzt ein Bauherr, der ein Generalunternehmen beauftragt. Das Generalunternehmen vergibt die einzelnen Gewerke an Subunternehmer. Die Subunternehmer vergeben weiter an Sub-Subunternehmer. Und irgendwann, drei, vier, fünf Stufen tiefer, steht ein Mann auf dem Gerüst, von dem oben niemand mehr den Namen kennt.
Rechtlich ist das alles sauber. Die EU-Dienstleistungsfreiheit erlaubt es Firmen aus anderen Mitgliedsstaaten, Arbeiter nach Deutschland zu entsenden. Werkverträge nach §§ 631 ff. BGB sind ein legitimes Instrument. Und solange jede Stufe formal korrekt aussieht — A1-Bescheinigung hier, Freistellungsbescheinigung dort — funktioniert das System genau wie vorgesehen.
Das Problem ist nicht, dass die Kette gebrochen wird. Das Problem ist, dass sie funktioniert. Jede zusätzliche Stufe schiebt Verantwortung nach unten und Gewinn nach oben. Der Generalunternehmer haftet für die Mindestlöhne seiner Subs — aber für die Sub-Subunternehmer der zweiten Stufe nur dann, wenn er nachweislich einen Strohmann dazwischengeschaltet hat. Ein cleverer Aufbau, und die Haftung verdampft, bevor sie unten ankommt.
Genau hier setzt die organisierte Variante an. Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt warnt seit Jahren, dass man es zunehmend mit organisierter Kriminalität zu tun habe: ganze Konstrukte aus Schein-Subunternehmen, gegründet mit dem einzigen Zweck, illegale Beschäftigung zu verschleiern und legale Arbeit vorzutäuschen. Über gefälschte „Abdeckrechnungen" wird schwarzes Geld erzeugt, mit dem man die Schwarzarbeiter bezahlt. Die aufgedeckten Fälle, sagt die IG Bau, seien nur die Spitze des Eisbergs.
Was unten ankommt
Und das untere Ende sieht so aus: Die EU-Grundrechteagentur FRA hat Hunderte ausgebeutete Wanderarbeiter befragt, auch im Baugewerbe. Manche bekamen einen Euro pro Stunde oder weniger. Zwölf-Stunden-Tage, sechs oder sieben Tage die Woche. Geschlafen wurde teils in Schiffscontainern ohne Wasser und Strom. Ein Arbeiter beschrieb die Behandlung mit den Worten, man halte sie „wie Hunde, wie Sklaven". Das Risiko für die Täter, dafür belangt zu werden oder ihre Opfer entschädigen zu müssen, sei gering.
Das ist nicht Katar. Das ist der EU-Binnenmarkt.
In Deutschland heißt das konkret: Arbeiterstriche in Hamburg-Wilhelmsburg, eine Tagelöhnerbörse im Münchner Bahnhofsviertel, wo überwiegend Bulgaren und Rumänen jeden Morgen ihre Arbeitskraft anbieten. Wer kein Deutsch spricht, seine Rechte nicht kennt und nur zum Arbeiten hier ist, ist die ideale Arbeitskraft für eine Branche, in der jede gesparte Sozialabgabe die Marge verbessert. Ausbleibende Löhne, plötzliche Abzüge auf der Abrechnung, nicht bezahlte Überstunden — die Beratungsstellen kennen das Muster auswendig.
Der Glasfaserausbau hat zuletzt gezeigt, wie weit das geht. Report Mainz dokumentierte Dutzende Fälle quer durch die Republik: Lohnprellerei, illegale Beschäftigung, 16-Stunden-Tage, bis hin zu Menschenhandel. In einem Fall wurde ein ungarischer Arbeiter von seinem Subunternehmer geschlagen und vor die Tür gesetzt, als er nach seinem fehlenden Lohn fragte. Bezahlt wurde er nie.
Die Folgen — für wen eigentlich?
Jetzt wird es interessant. Denn der Staat ist nicht untätig.
Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) des Zolls fährt regelmäßig bundesweite Großrazzien. Am 16. Juni 2025 waren 2.800 Zöllner im Einsatz, befragten über 8.000 Arbeiter, leiteten noch vor Ort rund 300 Straf- und über 400 Ordnungswidrigkeitenverfahren ein. Im März 2026 waren es bereits 3.200 Beamte. Für 2025 meldet der Zoll über 98.000 eingeleitete Strafverfahren, einen aufgedeckten Gesamtschaden von rund 675 Millionen Euro und verhängte Haftstrafen von zusammengerechnet fast 1.200 Jahren. Zum 1. Januar 2026 ist ein neues Gesetz in Kraft getreten, das die FKS digitaler und schlagkräftiger machen soll.
Das ist viel. Aber lies noch mal genau, worum es geht: Schaden. Gesamtschaden. 675 Millionen Euro.
Wessen Schaden? Der des Staates, dem Steuern und Sozialabgaben entgehen. Und der „ehrlichen Bauunternehmen", die im Wettbewerb gegen die Billiganbieter verlieren. Beides legitim. Aber in dieser ganzen Buchhaltung kommt der Mann auf dem Gerüst nicht vor. Er ist keine Schadensposition. Wenn er stirbt, entsteht dem Fiskus kein messbarer Verlust — er hat ja nie Beiträge gezahlt.
Genau das ist der Kern. Die gesamte Maschinerie ist darauf ausgelegt, die Kasse zu schützen, nicht den Menschen. Der Mann am unteren Ende der Kette wird vom selben System gleichzeitig gebraucht und übersehen: gebraucht, weil ohne ihn die Marge nicht stimmt; übersehen, weil er in keiner Statistik steht, für die sich jemand verantwortlich fühlt. Bei einer Razzia ist er nicht das Opfer, das geschützt wird. Er ist der Verdächtige, der über den Acker flüchtet, weil ihm bei einer Kontrolle das Strafverfahren wegen illegalen Aufenthalts droht.
Standpunkt
Unsere Hochhäuser stehen auf den Rücken von Menschen, die wir nicht vergessen dürfen.
Das ist keine Floskel. Wer gerade in einer deutschen Stadt nach oben schaut — auf einen Kran, ein Gerüst, eine frische Fassade —, schaut auf Arbeit, die zu einem großen Teil von Leuten gemacht wird, die kaum Deutsch sprechen, ihre Rechte nicht kennen und am unteren Ende einer Kette hängen, an deren oberem Ende niemand ihren Namen kennt. Sie verlegen unser Glasfaser, sie bauen unsere Straßen, sie ziehen die Wände hoch, hinter denen wir wohnen.
Und ehrlich: Wenn wir diese Leute nicht hätten, wüsste ich nicht, wer dann für uns bauen würde. Die harte Arbeit am Bau ist für Deutsche längst unattraktiv geworden — zu schwer, zu schlecht bezahlt. Wir sind auf diese Menschen angewiesen. Komplett.
Genau das macht die Sache so bitter. Wir brauchen sie, und wir behandeln sie, als wären sie unsichtbar. Wir bauen unseren Wohlstand auf ihre Schultern und zählen sie nicht einmal, wenn sie dabei sterben. Das ist kein Randthema der Baubranche. Das ist die Grundlage, auf der sie steht.
Wer von einer Leistung lebt, schuldet den Menschen, die sie erbringen, mindestens zweierlei: dass sie gesehen werden, und dass jemand für ihre Bedingungen geradesteht — bis ganz nach unten, bis zur Haftung des Generalunternehmers für das, was am Fuß der Kette passiert. Nicht nur, wenn ein Strohmann nachweisbar ist. Sondern grundsätzlich. Nicht aus Mitleid, sondern aus Anstand. Und weil wir es uns, ganz nüchtern, nicht leisten können, diese Menschen zu verlieren.
Vergesst sie nicht. Wir würden ohne sie im Rohbau stehen.
Quellen
- BG BAU, Arbeitsunfall- und Berufskrankheitszahlen 2024 (via dpa / bo.de, mt.de, bauenplus.de)
- Europäischer Gewerkschaftsbund (ETUC), „Enough is enough: zero accidents at work now"
- In These Times, „The Return of the Construction Industry Has Brought a Surge of Immigrant Worker Deaths"
- EU-Grundrechteagentur (FRA), Bericht „Schutz von Wanderarbeitnehmern vor Ausbeutung in der EU"
- taz, „Unsicherer Broterwerb: Wo die Tagelöhner stehen"; Studie zur Tagelöhnerbörse im Münchner Bahnhofsviertel (Atanisev/Haverkamp)
- LabourNet / Report Mainz, Recherchen zum Glasfaserausbau
- Zoll / Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS), Razzien Juni 2025 und März 2026, Jahresbilanz 2025
- IG Bau (Robert Feiger) zur organisierten Schwarzarbeit; Haufe, „Härtere Gangart gegen Schwarzarbeit beschlossen"
- SchwarzArbMoDiG, in Kraft seit 1.1.2026 (BMF; cmshs-bloggt.de)